Tornadogefahr am heutigen Donnerstag

Ausführlich haben wir bereits auf die Unwettergefahr in vielen Teilen Deutschlands am heutigen Donnerstag hingewiesen. Dabei besteht lokal die Gefahr von Starkregen, Hagel und schweren Sturmböen, vereinzelt sogar Böen bis Orkanstärke. In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die erhöhte Tornadogefahr eingehen.

Bisher verlief die Tornadosaison in diesem Jahr in Deutschland relativ ruhig. Einzelne stärkere Tornados richteten zwar erhebliche Schäden an, die in der Gesamtsumme in die Millionen gehen dürften, aber eine große Unwetter- und Tornadolage blieb bislang aus. In den meisten Fällen fehlte einfach die Dynamik, der Höhenwind war schwach und die Gewitter verlagerten sich oft nur langsam oder gar nicht. Bei solchen Wetterlagen können sich zwar ebenfalls Tornados bilden, die aber eher schwächer sind. Nun steht heute die erste Gewitterlage mit markantem Höhenwind an. Damit steigt allgemein die Sturmgefahr und auch die Tornadogefahr ist erhöht.

Auslöser ist ein kleines Tief, das sich in der Nacht zum Donnerstag über Südwesteuropa gebildet hat. Es zieht unter erheblicher Verstärkung zu einem kleinen Sturmtief über die Beneluxstaaten und die Nordsee bis zum Freitag nach Südnorwegen. Die Kaltfront des Tiefs hat es in sich, sie drängt die zuletzt bei uns lagernde subtropische Warmluft nach Osten ab. Vor der Kaltfront können sich im Tagesverlauf bereits einige Gewitter bilden, örtlich mit Unwetterpotenzial. Ab den Mittagsstunden kann sich über Frankreich eine geschlossene Gewitterlinie bilden, in deren Bereich neben großen Niederschlagsmengen (Starkregen, Hagel) vor allem Sturm zu einem großen Problem werden dürfte. Einzelheiten zur Unwetterlage im Beitrag von Udo Karow. Betroffen sind am Nachmittag zunächst NRW und Rheinland-Pfalz, bis in den Abend breitet sich die Front nach Niedersachsen und Hessen aus und später am Abend weiter in Richtung Mecklenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Signifikantes Wetter am Donnerstag, 15 Uhr MESZ, aus dem SuperHD-Modell

Mit zwei verschiedenen Sturmarten müssen wir rechnen: Zum einen treten in den Gewittern so genannte Downbursts auf, das sind Gewitterfallböen. Mit dem fallenden Starkregen und Hagel stürzen Luftmassen in Richtung Boden, wo sie sich vor allem in Zugrichtung rasch ausbreiten und hier die bekannten Gewitterböen bis hin zu Orkanstärke auslösen. Diese können große Schäden anrichten und manchmal auch sehr eng begrenzt auftreten.

Erwartete Windböen bis 16 Uhr aus dem AROME-Modell

Nun kommt noch etwas ins Spiel, das wir Meteorologen vertikale Windscherung nennen. Darunter versteht man ganz einfach die Änderung des Windes mit der Höhe. Wird der Wind mit zunehmender Höhe deutlich stärker und ändert dabei seine Richtung, ist die Scherung groß. Man kann sich nun leicht vorstellen, dass Luft, die in Gewittern rasch aufsteigt, in Rotation versetzt wird. Wie dies genau geschieht, ist noch Gegenstand der Forschung, bisher gibt es dazu nur Theorien. Entscheidend ist dabei die Windänderung in der untersten Schicht zwischen dem Boden und etwa 1 bis 1,5 Kilometer Höhe.

Höhenwind in rund 1,5 Kilometer Höhe am Donnerstagnachmittag aus dem SuperHD-Modell

Der Höhenwind nimmt am heutigen Donnerstag deutlich zu und dreht über dem Westen Deutschlands auf Süd bis Südwest. Bodennah weht gleichzeitig meist nur schwacher Wind aus Süd bis Südost. Damit nimmt die Windscherung deutlich zu.

Starke Windscherung zeigt die Karte aus dem hoch aufgelösten Modell am Donnerstagnachmittag.

Wie bei nahezu jeder Gewitterlage gilt auch heute: Nicht jeder Ort wird gleichermaßen getroffen. Während an einem Ort sprichwörtlich die Welt untergeht, kann nur wenige Kilometer entfernt wenig oder sogar gar nichts passieren. Genau vorhersagen lassen sich die Gewitter dabei kaum, nur sehr kurzfristig sind Warnungen möglich, am besten Radar und weitere Warnungen von uns genau verfolgen. Tornadowarnungen sind dabei höchstens wenige Minuten vorher möglich – wenn überhaupt.

Bisher schwache Tornadosaison 2018

Die Tornadosaison 2018 verlief in Deutschland bisher ausgesprochen ruhig. Bisher sind gerade mal 8 Tornados bestätigt, dazu kommen aber mehr als 70 Verdachtsfälle. Die Zahlen schwanken stark von Jahr zu Jahr, im Mittel werden etwa 30 bis 60 Tornados in Deutschland verzeichnet, dazu kommt eine dreistellige Zahl an Tornadoverdachtsfällen. Eine Übersicht zu allen bekannten Tornados findet man in der Tornadoliste Deutschland. Das folgende Video zeigt einen starken Tornado im Kreis Viersen (NRW) am 16. Mai 2018:

Tornados werden in Deutschland oft auch als Windhosen bezeichnet, beides beschreibt aber dasselbe Phänomen. Anders als in vielen Medienmeldungen genannt können Tornados bei uns genauso stark sein wie in den USA. So wurden bei einem verheerenden Tornado im Mai 1979 in Brandenburg sogar tonnenschwere Mähdrescher durch die Luft gewirbelt. Die meisten Tornados sind aber nur schwach – dies gilt auch für die USA.

 

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Über Thomas Sävert 3 Artikel
Stammt aus dem hohen Norden Deutschlands. Spezialgebiete sind Stürme aller Art, seit den 1980er Jahren tropische Wirbelstürme und seit den 1990er Jahren Tornados, besonders in Deutschland. Er war mehr als 12 Jahre im Unwetterwarndienst tätig.