Unwetter-Spezial für Donnerstag: Schwere Gewitter mit Orkanböen

Willkommen zu unserem Unwetter-Spezial zum morgigen Donnerstag mit allem, was wir zum jetzigen Zeitpunkt wissen. Wir führen hier einen speziellen Vergleich aller relevanten Wettermodelle durch, um Ihnen einen Überblick der Lage zu verschaffen.

Vorwort

Dies ist ein ausführlicher Bericht. Wenn Sie denken, dass Sie keine Zeit haben den ganzen folgenden Inhalt zu lesen, dann sind Sie hier falsch. Aber lassen Sie mich Ihnen Eines sagen: Wie gewöhnlich auf Ihre Larifari-Wetterapps zu schauen und zu vertrauen, wird Ihnen morgen absolut gar nichts bringen. Wetterapps sind bei Gewittern mit ihren Punktvorhersagen und Wettersymbolen ohne ausreichende Erläuterung völlig nutzlos. Sie werden morgen vielleicht ein Gewittersymbol sehen. Aber das heißt noch lange nicht, dass Sie getroffen werden und sagt auch überhaupt nichts darüber aus, wie stark Sie getroffen werden. Wer morgen möglichst keine Sachschäden davontragen möchte, der ist klug und nimmt sich die Zeit diesen ausführlichen Bericht zu lesen.

Wie immer bei Gewittern müssen Sie beachten, dass Gewitter viel kleiner sind, als Sie sich es vielleicht vorstellen. Das heißt, selbst wenn wir morgen in unserem Warnlagebericht einen supergroßen Bereich vorwarnen, heißt das noch lange nicht, dass Sie morgen zu 100% Gewitter kriegen. Eine Vorwarnung deckt den Bereich ab, in dem diese Gewitter und Unwetter auftreten könnten. Das muss Ihnen immer bewusst sein; Sie müssen einfach verstehen, dass Gewitter nur lokal begrenzt auftreten und auch nur dort Schäden verursachen können.

Überblick

Und nun mal fix zur morgigen Unwetterlage. Die Ausgangssituation mal kurz zusammengefasst: In der Nacht zum Donnerstag bildet sich über Frankreich ein kleines schnuckliges Tiefdruckgebiet, welches sich aber mit hoher Geschwindigkeit Richtung Nordsee bewegt. An seiner Vorderseite gelangt nochmals schwül-heiße Luft nach Deutschland, welche dann durch die Kaltfront im Tagesverlauf nach Osten verdrängt wird. An der Kaltfront entwickeln sich dann im Tagesverlauf besonders in den Nachmittags- und Abendstunden teils heftige Gewitter mit erhöhtem Unwetterpotential.

Animation des Signifikanten Wetters mit teils schweren Gewittern in dunklem Violett

Wettermodelle

Was bringt uns ein Modellvergleich? Wieviele Modelle gibt es eigentlich, die sich zur Gewittervorhersage eignen?

Das ist ganz einfach. Es gibt niedrig aufgelöste Wettermodelle und es gibt hoch aufgelöste Wettermodelle. Die niedrig Aufgelösten besitzen eine weiter in die Zukunft reichende Vorhersage als die hoch aufgelösten. Der Unterschied zwischen beiden Arten ist, dass die niedrig aufgelösten Modelle viel zu grobmaschig sind, um mit den kleinen Gewittern in der Vorhersage klar zukommen. Deswegen müssen diese Gewitter sozusagen abgeleitet werden.

Die hochauflösenden Modelle hingegen können die Gewitter „auflösen“, sie simulieren, weil ihre Auflösung dafür ausreicht. Für Deutschland gibt es 3 große relevante Wettermodelle, die sich dafür eignen. Das ist einmal das COSMO-D2 vom Deutschen Wetterdienst, das Super HD von kachelmannwetter.com, und das AROME vom französischen Wetterdienst Meteo France.

Wenn wir diese 3 Modelle für die Gewittervorhersage vergleichen, haben wir einen sehr guten Überblick über die bevorstehenden Gewitter. Sollten alle 3 Modelle in etwa gleiche Lagen prognostizieren, dann ist der Ablauf ziemlich sicher; Sollten Sie das nicht tun, genau das Gegenteil.

Modellvergleich für Donnerstag

Für den Modellvergleich nehmen wir natürlich zum jetzigen Zeitpunkt die aktuellsten Modellläufe, also die aktuellsten Prognosen.

Simuliertes Regenradarbild

Hier sehen wir, wie die Modelle die Gewitterzellen zu morgen 17 Uhr sehen.

Alle 3 Modelle rechnen eine in etwa linienhafte Anordnung von starken Gewitterzellen. Vorlaufend vor diesen Linien sind auch einzelne Gewitter möglich. Das SuperHD zeigt dort besonders in Niedersachsen auch Superzellen (Gewitter mit rotierendem Aufwind -> Tornadogefahr). Desweiteren kann man in den stärksten Gewittern auch kräftige Hagelsignale ausmachen. Die Modelle rechnen also auch lokal mit Großhagel. Eine linienhafte Anordnung von Gewitterzellen kann auch auf kräftige Gewitterfallböen hinweisen, womit wir beim nächsten Vergleich wären.

Windböen

Hier zeigen wir die jeweils höchsten Berechnungen der Windböen, die zu unterschiedlichen Terminen von den Modellen gerechnet werden. Der Sinn dahinter ist, das maximale Potential für die Stärke der Gewitterfallböen abzuschätzen.

Während das COSMO-D2 für den neuesten Lauf (der neueste von allen Modellen) die Gewitter mit größtem Schadenspotential Richtung Baden-Württemberg und Bayern verschiebt, bleiben AROME und das Super HD noch in Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Hessen. Beachtlich ist, dass ALLE 3 Modelle Gewitterböen in den Orkanbereich berechnen.

Fazit aus diesem Vergleich ist: Alle Modelle gehen von Gewittern mit hohem Schadenspotential durch Windböen aus. Wo genau, ist zum jetzigen Zeitpunkt aber unmöglich zu sagen, da das COSMO-D2 mit dem neusten Lauf das Ganze in den Süden setzt, während der Rest im Westen/Norden bleibt.

Bei Gewitterfallböen bis in den Orkanbereich sind schwere Schäden durch umgestürzte Bäume und nicht gesicherte Gegenstände denkbar.

Superzellen-/Tornadogefahr

Für diesen Modellvergleich können wir nur das COSMO-D2 und Super HD heranziehen, da AROME diese Parameter leider nicht anbietet. Zusätzlich zeigen wir aber das ICON-EU (auch vom Deutschen Wetterdienst), welches mit 7km mittelhoch aufgelöst ist.

Was sind Superzellen? Superzellen sind Gewitter die einen beständig rotierenden Aufwindbereich besitzen. Dieser erlaubt es Ihnen sich in einer Form zu organisieren, dass sie mit heftigen Begleiterscheinungen einhergehen können. Dazu zählen heftige Downbursts (Gewitterfallböen), großer Hagel, sehr starker Platzregen und Tornados. Tornados? Ja, richtig Tornados. Superzellen besitzen durch ihren rotierenden Aufwindbereich immer ein erhöhtes Tornadorisiko.

Wir zeigen hier den SCP (Supercell Composite Parameter). Er zeigt das Potential für Gewitter zu Superzellen zu werden.

Alle Modelle zeigen in etwa einen Maximalwert von 5-8 in unterschiedlichen Region an. Das bedeutet, dass ein erhöhtes Potential für Superzellen gegeben ist. Wo genau? Wie immer: Wissen wir nicht. Die Modelle sind hinsichtlich der örtlichen Verteilung doch zu unterschiedlich. Festhalten kann man aber: Es scheint wahrscheinlich, dass morgen irgendwo in der nördlichen Hälfte Deutschlands 1-2 Superzellen zu sehen sein werden.

Für die Tornadogefahr lohnt sich ein Blick auf die Windscherung vom Boden bis 1km Höhe. Windscherung ist die Änderung des Windes in Geschwindigkeit und Richtung mit zunehmender Höhe und ein Indiz für die Tornadogefahr, wenn Superzellen entstehen sollten.

Im Modellvergleich sehen wir das Super HD mit hohen Scherwerten von über 25 m/s in Rheinland-Pfalz und NRW, während COSMO-D2 und ICON-EU den Schwerpunkt eher nördlicher in Niedersachsen sehen. Dabei hat das COSMO-D2 (max. 20 m/s) nicht so hohe Scherwerte wie das ICON-EU (max. 25 m/s). In unseren Modellkarten sind zusätzlich die Windrichtungen am Boden und in 1km Höhe eingezeichnet. Man kann in den Regionen mit hohen Scherwerten deutlich eine Rechtsdrehung des Windes mit der Höhe erkennen. Das begünstigt die Tornadoentstehung zusätzlich.

Fazit: Hinreichend Windscherung für Tornados ist morgen vorhanden und wenn sich isolierte Superzellen bilden, könnte die Tornadogefahr signifikant erhöht sein. Unser Kollege und Experte für Tornados Thomas Sävert wird morgen dazu auch noch einen Bericht verfassen.

Zusammenfassung

Wir erwarten morgen eine schwere Unwetterlage, bei der sich an der Kaltfront des Tiefs Gewitter in einer Linienform zu einem System anordnen und zunächst in den Nachmittagsstunden über Rheinland-Pfalz, NRW, Hessen und eventuell Baden-Württemberg Schwerpunkte entwickeln. Die genaue Lage lässt sich erst morgen unmittelbar nach Entstehung der ersten Gewitter abschätzen. In diesem System sind durch das Herabmischen des starken Höhenwindes, aber auch durch lokale Microbursts Gewitterfallböen in Orkanstärke zu erwarten.

Vorderseitig dieser Gewitterfront könnten sich einzelne isolierte Superzellen mit deutlich erhöhter Tornadogefahr bilden. Das betrifft den Raum nördliches NRW und Niedersachsen. In diesen Superzellen könnte trotz relativ geringer Energiemengen, Großhagel um die 4-5cm fallen.

In den Abendstunden sollte das System gen Norden (Niedersachsen) ziehen, während sich an der Kaltfront, die ostwärts vorankommt, auch wieder einzelne kleine Liniensegmente ausbilden können, mit Gefahr von schweren Sturmböen.

Bitte beobachten Sie die Lage aufmerksam und lesen Sie auch den morgigen Warnlagebericht von Udo Karow.

Über Markus Bensing 24 Artikel
Zuständig für IT, Modellkarten, Warn-Software, Radarauswertungen, ausführliche Vorabberichte zu schweren Unwetterlagen, Unwetterwarnungen. Wohnhaft in Berlin gebürtig aus Halle an der Saale.