Unwetter Spezial: Unsichere Schwergewitterlage im äußersten Nordwesten

Seit gestern Abend berechnen einige Modell immer wieder das Überschwappen von Schwergewittern in den äußersten Nordwesten Deutschlands heute Abend. Wir zeigen euch in unserem Unwetter Spezial, welche Szenarien aktuell möglich sind.

Ausgangslage

Ohne wirklich zu sehr in’s Detail gehen zu wollen:

Aktuell schaufelt ein Tiefdruckgebiet über Großbritannien warme und feuchte Luft zu uns. Durch diese energetische Luftmasse entstehen über Frankreich aktuell mehrere Gewittercluster. Das führt zur Intensivierung eines kleinen Gewittertiefs mit Zugrichtung BeNeLux.

Desweiteren wird diese energetische Luftmasse mit einem starken Höhenwind überlagert. Den Unterschied des Bodenwindes zum Höhenwind nennt man Windscherung und diese ist ein signifikanter Bestandteil bei der Entwicklung von Schwergewittern. Nicht nur der Unterschied in Geschwindigkeit ist entscheidend, sondern auch die Richtungsänderung. Und genau diese Richtungsänderung ist stark rechtsdrehend mit der Höhe. Das ist zusätzlich unterstützend für den Aufbau von langanhaltenden und rotierenden Aufwindbereichen in Gewittern.

3 mögliche Szenarien

Was sagen denn die hochauflösenden Modelle? Was steckt da so drin und warum kann diese Lage so brisant werden?

1. Szenario – Nüscht passiert:

Es wird viel Tamtam in den Medien gemacht, ohne wirklich aufklärend auf diese Lage einzugehen. Wir versuchen, so über die Lage aufzuklären, dass in den Köpfen klar ist, was passieren kann und dass womöglich auch gar nichts passieren kann. Aktuell zeigt das Modell COSMO-D2 so eine Situation. Es lässt den Großteil der Schwergewitter in Belgien und den Niederlanden durchziehen, ohne dass dabei irgendetwas nach Deutschland überschwappt.

Das ist ein mögliches Szenario und viele werden sich dann zu Recht beschweren, warum die clickbaitgeilen (Pardon) Medien so ein Aufruhr veranstalten. Wenn Sie unser Unwetter Spezial gelesen haben, wissen Sie ganz genau, dass genau das passieren kann. Und wenn es so kommt und Sie im äußersten Nordwesten Deutschlands wohnen, können Sie darüber auch echt froh sein. Denn…

2. Szenario – Einzelne Schwergewitter bilden sich aus und erreichen den Nordwesten Deutschlands mit deutlich erhöhter Tornadogefahr:

Was? Tornados? Ja. Naja, zumindest die Gefahr dazu besteht in diesem Szenario.

Wenn sich die Gewitter über Belgien und den Niederlanden in die energetische Luftmasse hineinfressen, ist es durchaus möglich, dass auch die Luftmasse, die im Nordwesten Deutschlands liegt angeknappert wird. Genauer gesagt, entwickeln sich die Gewitter normalerweise immer zur energieträchtigsten Luftmasse (die zu dem Zeitpunkt dann im Nordwesten Deutschlands liegt) hin. Und genau das kann auch heute passieren.

Wenn es aber nur einzelne Gewitter schaffen, sich von dem Gewitterhaufen westlich zu trennen, dann haben wir ein größeres Problem genau dort, wo diese Gewitter langziehen. Durch die oben genannten Bedingungen inklusive Energie, Windscherung, etc. pp. ist es sehr wahrscheinlich, dass diese einzelnen Gewitterzellen zu sogenannten Superzellen werden. Diese einzelnen Schwergewitter können dann die gesamte Energie in ihrer Umgebung nutzen und umsetzen.

Kleiner Exkurs: Superzellen sind Gewitter mit beständig rotierendem Aufwindbereich, einer sogenannten Mesozyklone. Durch diesen Aufwindbereich können sich Superzellen sehr lange am Leben erhalten und mit unwetterartigen Begleiterscheinungen einhergehen: Heftiger Platzregen, Großer Hagel, Schwere Gewitterfallböen und? Richtig. Tornados. Superzellen sind der Grund für die stärkeren Tornados auf der Erde. Nicht alle Superzellen entwickeln automatisch einen Tornado. Statistisch gesehen sind es nur ca. 10%. Allerdings sind die heutigen Windbedingungen schon relativ vorteilhaft für die Bildung von Tornados. Genau deshalb ist es auch eine brisante Wetterlage.

Diese Szenario scheint aber am unwahrscheinlichsten, also müssen Sie jetzt nicht in purer Angst verfallen. Es ist schon unwahrscheinlich genug, dass Sie in dem betreffendem Bereich heute überhaupt von einer Superzelle getroffen werden. Halten Sie also einfach unser UWA RadarWarn HD offen und schauen, ob was im Anmarsch ist. Das ist die beste Möglichkeit zur Vorbereitung, die Sie erstmal nutzen können.

3. Szenario – Ein großes Gewittersystem erreicht den Nordwesten Deutschlands mit wahrscheinlich größerflächigen orkanartigen Windböen:

Dieses Szenario ist wahrscheinlicher als das 2. Szenario, aber in der Masse gesehen leider auch gefährlicher und schadensbringender.

Wenn sich die Gewitter in Belgien und den Niederlanden zu einem großen Gewittersystem zusammschließen, dann wird es, wie im 2. Szenario beschrieben, sich zur energieträchtigsten Luftmasse hin entwickeln. Dieses System könnte sich durch die oben beschriebenen Bedinungen zu einem sogenannten Bow Echo ausbilden. Ein Bow Echo ist ein Gewittersystem, dass auf dem Niederschlagsradar wie ein Bogen aussieht und mit heftigen Gewitterfallböen einhergeht. Das Pfingstunwetter 2014 war solch ein Bow Echo.

Wir erwarten NICHT, dass ein mögliches Gewittersystem so stark wird, wie das Pfingstunwetter. Dazu sind die Bedingungen nicht so stark ausgeprägt. Allerdings wollen wir das auch nicht ausschließen.

Und selbst bei „nur“ orkanartigen Windböen, dürfte es entsprechende Schäden geben.

Ein solches System sieht zum Beispiel aktuell das AROME-Modell. Die Simulierte IR Strahlungstemperatur zeigt die erwarteten Wolkenoberflächentemperaturen. Nicht verwirren lassen, es ist ganz einfach:

Je niedriger die Temperatur, desto höher die Gewitterwolke und desto stärker wahrscheinlich auch ihre Begleiterscheinungen. Auf der Modellkarte sehen wir einen riesigen Batzen mit Temperaturen unter -60°C. Das ist ein beachtlicher Wert und zeigt, dass hier das Potential für ein starkes Gewittersystem vorliegt. Nebendran sehen Sie noch das simulierte Radarbild in der Modellberechnung. Wenn Sie später auf unserem UWA RadarWarn HD so ein bogenförmiges Gebilde auf sich zukommen sehen, dann sollten Sie sich bereit machen für wirklich starke und schadensbringende Gewitterfallböen.

Abschluss

Sie wissen nun bestens Bescheid über alle möglichen Szenarien, die ab heute Abend bis in die Nacht im Nordwesten Deutschlands denkbar sind. Bei uns bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Eins sei Ihnen gesagt: Kein Meteorologe weiß genau, was heute Abend genau passieren wird. Bleiben Sie sicher und verfolgen Sie bitte die Wetterlage.

Auf unseren Live-Warnungen sehen Sie immer live die aktuelle Warnlage für ihren Landkreis oder ihrer Gemeinde. Wie mehrmals angesprochen, hilft Ihnen unser extrem zeitnah verfügbares Niederschlagsradar UWA RadarWarn HD bei allen Gewittersachen.

Und natürlich werden wir Sie schnellstens über Social Media informieren, sollte es neue Erkenntnisse geben oder eine konkrete Unwettergefahr vorliegen.

Nutzen Sie unsere UWA-Warnapp, damit sie immer im Bilde über mögliche Unwetterlagen in Deutschland sind. Erhältlich für Iphone und Android. Installation über diesen Link

Nutzen Sie unser neues Modul der Wetterkarten ! Sie können jederzeit aktuelle Modellrechnungen abrufen. Ebenfalls können Sie über das Modul unser UWA Radarwarn HD steuern. Regen oder Schnee ? Schauen und reagieren.  Ebenfalls neu bei unwetteralarm.com  Aktuelle Pegelstände aller großen deutschen Flüsse. Hochwasser oder Niedrigwasser, informieren Sie sich rechtzeitig über mögliche Gefahren. Ab sofort neu bei uns: Live Wetterwarnungen für über 11.000 Städte und Gemeinden in ganz Deutschland.
Über Markus Bensing 38 Artikel
Zuständig für IT, Modellkarten, Warn-Software, Radarauswertungen, ausführliche Vorabberichte zu schweren Unwetterlagen, Unwetterwarnungen. Wohnhaft in Berlin gebürtig aus Halle an der Saale.