Warum heute Tornados an der Kaltfront möglich sind – Unwetter Spezial

Aktualisiert am : von Angelo D Alterio

Wir gehen in diesem Beitrag speziell auf die erhöhte Tornadogefahr heute an der Kaltfront des Tiefs FABIENNE ein, warum der Kaltfrontdurchgang im Süden besonders tückisch sein kann und wie man sich am besten Verhalten sollte.

Erklärende grundlegende Dinge

  1. Ja! Tornados sind auch in Deutschland möglich!
  2. Ja! Das, was im deutschen Wortlaut verharmlosend „Windhose“ genannt wird, ist physikalisch gesehen nichts anderes als ein Tornado. Es gibt keinen Grund zwischen Windhose und Tornado zu unterscheiden.
  3. Ja! Auch in Deutschland können Tornados genau so stark werden wie in Amerika!
  4. NEIN! Entgegen unfachlicher viel zu allgemein gehaltener Artikel vieler Medienjournalisten entstehen Tornados nicht, wenn kalte Luft auf warme Luft trifft. Tornados sind sehr komplexe Gebilde und sind immer an eine Schauer- oder Gewitterwolke gebunden. Theoretisch können Tornados – wenn es die Windbedingungen im unmittelbaren Umfeld zulassen (was relativ selten der Fall ist) – immer und überall an diesen Schauer- und Gewitterwolken entstehen.
  5. Die Tornadovorhersage steckt immernoch in den Kinderschuhen und es ist genau wie bei Gewittern (nur deutlich ausgeprägter) praktisch unmöglich eine genaue Ortsvorhersage zu Tornados zu treffen!
  6. Was Meteorologen können: Wir können in einem größerem Gebiet das Tornadopotential aus den uns zur Verfügung stehenden Wettermodellen ableiten. Mehr aber auch nicht.

Historisch bedingte Erfahrungen

Tornados treten gerne an Kaltfronten von Sturm- oder Orkantiefs auf, die sehr viel Dynamik mitbringen. Und das deshalb, weil genau an diesen Orkan/Sturm-Kaltfronten viele Zutaten für Tornados günstig sind. Das zeigt unter anderem das Beispiel vom Orkan KYRILL.

Was viele nicht wissen: An der Kaltfront von Kyrill 2017 traten ganze 3 Tornados auf, welche schwere Schäden verursacht haben. Nicht nur der Wind in Orkanstärke war das Problem.

Faktencheck: Welche Zutaten sind heute für die Tornadobildung vorhanden

Gehen wir nun mal auf heute ein. Wir wissen folgendes:

  • Ein Sturmtief bewegt sich mit relativ hoher Geschwindigkeit quer über Deutschlands Mitte gen Osten
  • An diesem Sturmtief wird sich eine starke Kaltfront entwickeln, die besonders den Süden des Landes beschäftigen wird
  • Das Sturmfeld des Tiefs wird gar nicht so stark ausgeprägt sein, wie es manche Artikel vermuten lassen
  • Die Hauptproblematik Wind wird vielerorts nur an der Kaltfront für ca. 10-30min stattfinden. Warum ist das so:
    • Die Kaltfront wird mit sehr starken Winden in der Höhe überlagert.
    • An der Kaltfront werden sich Schauer und Gewitter in Linienform ausbilden, die diesen starken Höhenwind bis ins Flachland „heruntermischen“ und so für orkanartige oder sogar richtige Orkanböen sorgen können – ABER! Diese starken Gewitterfallböen werden nur relativ lokal auftreten. Der Rest kriegt wahrscheinlich Sturmböen oder schwere Sturmböen beim Kaltfrontdurchgang

Wir schauen uns nun ein paar wichtige Vorhersage-Karten von einem Wettermodell für heute 18 Uhr an, die die ganze Problematik veranschaulichen:

In der ersten Karte sehen wir die Luftmassenverteilung und man kann die Luftmassengrenze ausgehend von Sachsen-Anhalt bis nach Rheinland-Pfalz ausmachen. Das ist unsere Kaltfront, die man in unserer Regenradar-Vorhersage gut an der starken Schauer-/Gewitterlinie erkennen kann.

Dazu sehen wir noch die Windböen-Vorhersage für diesen Zeitraum. Leicht erkennbar: Offensichtlich treten die stärksten Windböen beim Durchgang der Kaltfront auf.

Kommen wir nun speziell zu Karten für das Tornadopotential:

Bitte lassen Sie sich von wissenschaftlichen Begriffen nicht verwirren. Ich erkläre es Ihnen ganz einfach: Windscherung ist die Änderung des Windes vom Boden bis in 1km Höhe – sprich wenn der Wind in 1km Höhe in eine andere Richtung und mit deutlich mehr Geschwindigkeit weht als am Boden ist die Windscherung besonders groß. Und genau das sehen wir auch in der ersten Karte:

Direkt im Vorfeld unserer Kaltfront lässt sich sehr viel Windscherung ausmachen. Wenn die Schauer-/Gewitterlinien an der Kaltfront nun in diese Windscherung hineinlaufen, kann es passieren, dass deren Aufwindbereich anfängt zu rotieren.

Nichts anderes können wir in der 2. Karten sehen. Der sogenannte Supercell Detection Index zeigt Schauer und Gewitter, deren Aufwindbereich rotiert. Und genau das simuliert das Wettermodell COSMO-D2, wie unschwer an den bunten Farben erkennbar.

Wenn ein Schauer oder Gewitter einen rotierenden Aufwindbereich aufweist, nennt man diesen Mesozyklone. Wenn jetzt alle Bedingungen an dieser Mesozyklone passen, kann sich ein Tornado ausbilden.

Zusammenfassung

Wenn FABIENNE eine bilderbuchhafte scharf abgegrenzte Kaltfront ausbilden sollte, die mit starken Schauern und Gewittern einhergeht, müssen wir uns darauf gefasst machen, dass sich unter Umständen auch ein Tornado entwickeln kann. Wo genau das passieren kann, ist wenn überhaupt maximal 5-10 Minuten im Voraus aus den Radardaten ablesbar.

Die Gebiete mit dem größten Potential für Tornados sind Rheinland-Pfalz/Saarland, südliches Hessen, nördliches Baden-Württemberg, nördliches Bayern und südliches Thüringen/Sachsen.

Generell bleibt zu sagen, das heute im gesamten südlichen Teil Deutschlands bei Durchzug der Kaltfront eine geringe Tornadogefahr gegeben ist. In den oben genannten Gebieten ist diese aber am größten.

Wie verhalte ich mich bei einem Tornado?

Der Großteil der Menschen hat noch nie einen Tornado in echt gesehen. Wie soll man also nun wissen, was zutun ist, wenn sich tatsächlich einer vor der eigenen Nase bildet.

Allgemein gilt:

  • Der sicherste Ort bei einem Tornado ist der Keller
  • Es gibt keinen Keller? Dann begeben Sie sich in ein Gebäude mit möglichst massiver Bauform, halten Sie sich im mittleren Teil dessen auf und gehen Sie weg von Fenstern
  • Es gibt kein Gebäude? Sie sind im Auto? Oder zu Fuß? Wenn sich der Tornado augenscheinlich nicht nach rechts oder links bewegt, bzw. Sie keine Bewegung ausmachen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass er sich direkt auf Sie zubewegt.
    • NEIN! DENKEN SIE NICHT DARAN UNTER BRÜCKEN SCHUTZ ZU SUCHEN! Das ist ein großer Irrglaube. Der Wind wird bei Unterführungen kanalisiert und könnte deshalb noch deutlich stärker wehen als sonst wo.
    • Wenn Sie im Auto sitzen und ein direkter Treffer unausweichlich ist, bleiben Sie im Auto, ducken Sie sich und schützen Ihr Gesicht. Bei einem äußerst seltenem F5-Tornado (im Lotto gewonnen und vom Blitz getroffen, gleichzeitig) haben Sie so oder so verloren.
    • Wenn Sie zu Fuß sind und unausweichlich getroffen werden, suchen Sie eine Kuhle auf, legen sich mit dem Bauch flach auf den Boden und schützen mit Ihren Händen alles, was Ihnen an Ihrem Körper am meisten lieb ist (ist meistens der Kopf). Achja: vorteilhaft wäre, wenn das nicht gerade im Wald oder in einer Umgebung passiert, wo viele Trümmerteil umher gewirbelt werden können. Wenn Sie Glück haben und es ist nur ein schwacher Tornado, dann heben Sie sogar gar nicht ab, sondern bleiben am Boden.

Mit diesen Tipps sind Sie nun für alles gewappnet, was im allerseltensten Fall heute lebensbedrohlich auftreten könnte.

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Wir würden uns auch freuen, wenn alle Einwohner Deutschlands die heutige Sturmlage (nicht nur hinsichtlich Tornados) ernst nehmen und keiner sterben muss.

Wir nehmen das Risiko gerne in Kauf, wenn wir mit unseren Warnungen im Nachhinein zu hoch angesetzt haben, als das irgendetwas grausames passiert.

Übrigens: Wir informieren Sie fortlaufend weiter über die Sturmlage in unserem Live-Ticker.

Vielen Dank und kommen Sie gut durch den Tag!

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Über Markus Bensing 31 Artikel
Zuständig für IT, Modellkarten, Warn-Software, Radarauswertungen, ausführliche Vorabberichte zu schweren Unwetterlagen, Unwetterwarnungen. Wohnhaft in Berlin gebürtig aus Halle an der Saale.